Einrichtung eines dritten Sozialpsychiatrischen Zentrums im Rhein-Erft-Kreis

05. Februar 2020, Fraktionsanträge

Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Rolle,

die Koalitionsfraktion von CDU, GRÜNEN und FDP im Rhein-Erft-Kreis beantragen zur Sitzung  des Ausschusses für Soziales, Generationen und Integration am 05.03.2020, o.g. Punkt auf die Tagesordnung zunehmen und stellen hierzu nachfolgenden Antrag zur Abstimmung:

Beschluss:

Die Verwaltung wird beauftragt, die Einrichtung eines dritten Sozialpsychatrischen Zentrums (SPZ) im Rhein-Erft-Kreis zu prüfen. Die Prüfung soll auch eine mögliche Förderung durch den LVR umfassen.

Begründung:

In Deutschland sind gemäß dem Gesundheitsmonitoring des Robert-Koch-Instituts jedes Jahr ca. 27,7% der Erwachsenen zwischen 18 und 79 Jahren von einer psychiatrischen Erkrankung betroffen. Nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und muskuloskelettalen Krankheiten gehören psychische Erkrankungen dabei zu den Hauptursachen für den Verlust gesunder Lebensjahre.

Ein Wandel des Krankheitsbildes in der öffentlichen Wahrnehmung (Entstigmatisierung und angestiegene Sensibilität für psychische Erkankungen) oder eine vermehrte Beeinträchtigung der Betroffenen durch individuelle Störungsfolgen dürften Gründe sein, die schon jetzt zu einer Zunahme an Behandlungen, Krankheitstagen und Frühberentungen durch psychische Belastungen geführt haben. Dies war auch Gegenstand des Gesundheitsreports der BKK Ende 2019, wonach 15,7 % der Arbeitsunfähigkeitstage im Jahr 2018 auf psychischen Erkrankungen beruhen. Das entspricht ca. 3 AU-Tagen pro versichertem Beschäftigten. Diese Entwicklung legt die Notwendigkeit nahe, dass eine Auseinandersetzung mit der weiteren Versorgungssituation psychisch kranker Menschen unumgänglich ist, insbesondere um eine Unterversorgung bestimmter Patientengruppen mit erschwertem Zugang zu einer angemessenen Grundversorgung entgegenzuwirken.

Die Versorgungssituation im Rhein-Erft-Kreis stellt sich zurzeit wie folgt dar:

2017 wurde am Maria-Hilf-Krankenhaus in Bergheim eine Dependance der LVR Klinik Düren eröffnet. Diese Dependance ist zuständig für eine psychiatrische stationäre Regelversorgung des Nordkreises des Rhein-Erft-Kreis. Allerdings kam es dabei zu keiner Erweiterung der stationären Bettenzahl, sondern vielmehr wurden Betten im Sinne einer gemeindenahen Versorgung in der LVR Klinik Düren abgebaut und nach Bergheim verlegt.

Die Arbeitsgemeinschaft für psychisch Kranke im Rhein-Erft-Kreis e.V. (APK) unterhält zwei Sozialspsychiatrische Zentren (SPZ) in Quadrath-Ichendorf sowie in Hürth-Hermühlheim. Diese dienen als Beratungs- und Kontaktstellen, bieten ambulant betreutes Wohnen sowie eine Tagesstätte und einen Integrationsfachdienst an und stellen somit wichtige und gut erreichbare Anlaufstellen für den Mittel- und Südkreis des Rhein-Erft-Kreis dar.

Der LVR gib in seinen Förderrichtlinien an, dass das Versorgungsgebiet eines SPZ die Größe von 150.000 Einwohnern nicht überschreiten soll. Der Rhein-Erft-Kreis hat mit rund 470.000 Einwohnern bei zwei SPZ ein Versorgungsgebiet von 235.000 Einwohnern je SPZ.

In 2011 beantragte dir Arbeitsgemeinschaft für psychisch Kranke im Rhein-Erft-Kreis e.V. (APK) die Einrichtung eines dritten SPZ für den Rhein-Erft-Kreis in Pulheim (DS 508/2011). Dieser Antrag wurde jedoch abgelehnt mit der Begründung, zunächst die Auswirkungen der neuen Dependance der LVR Klinik Düren in Bergheim abwarten zu wollen.

Nach unserer Einschätzung hat sich die ambulante, psychosoziale Versorgungssituation für die Menschen im Norden des Rhein-Erft-Kreis trotz der LVR-Klinik in Bergheim nicht wesentlich verändert. Die angegliederte Institutsambulanz mit zwei dort tätigen Fachärzten hat inzwischen einen solch großen Zulauf, dass aktuell nur noch begrenzt Patienten angenommen werden können.  

Den Koalitionsfraktionen erscheint die Ansiedlung eines dritten Sozialpsychiatrischen Zentrums notwendig, mit Blick sowohl auf die umliegenden Kreise, als auch im Hinblick auf die psychosoziale ambulante Aufstellung im Rhein-Erft-Kreis mit dem erheblichen Gefälle zwischen Nord- und Südkreis. Mit einem dritten SPZ kann die Versorgung von Menschen mit erschwertem Zugang zu einem niederschwelligen Hilfssystem sichergestellt werden, insbesondere im Hinblick auf die zukünftigen Erkrankungsentwicklungen.