„Wichtige Weiche für flächendeckende optimierte Notfalltherapie beim Herzinfarkt in NRW gestellt“

16. Oktober 2008, Kreisverband

In NRW gab es 2006 46230 Herzinfarkte, davon starben 5092 Patienten (10,8 Prozent). Laut einer Studie der Ruhr-Universität Bochum von 2004 gilt NRW als Risiko-Region in Sachen Herzinfarkt und Schlaganfall.

Beim Herzinfarkt kommt es in vielen Fällen zu einem Verschluss eines Herzkranzgef““es durch ein Blutgerinnsel. Dabei ist die Blutversorgung des Herzmuskelgewebes an der betroffenen Stelle so schlecht, dass in Folge der Mangelversorgung ein Absterben eines Teils des Herzmuskelgewebes ist. Je früher es gelingt diese Verstopfung durch geeignete Maßnahmen wieder zu lösen, umso mehr Herzmuskel kann gerettet werden und umso besser sind die überlebens- und Heilungschancen und geringer die verbleibenden Sch“digungen. Nach rechtzeitiger WiedererÖffnung des Infarktgef““es ist der Patient sofort beschwerdefrei. Es gibt zwei Verfahren das Herzkranzgef““ wieder zu eröffnen:

  1. Die sofortige Durchführung eines Herzkatheters und Aufdehnung des Verschlusses mit einem Ballon.
  2. Die sofortige Gabe eines Medikaments, um das Blutgerinnsel aufzulösen.

Die Durchführung des Herzkatheters ist das effektivere und nebenwirkungs“rmere Verfahren, steht aber nicht überall zeitgerecht zur Verfügung. Hierbei wird ein dünner Katheter durch die Schlagader zum Herzen geführt, die Herzkranzgef““e mit Kontrastmittel dargestellt und anschließend die Verstopfung mit einem Ballonkatheter aufgedehnt. Dieses Verfahren steht nur in spezialisierten kardiologischen Kliniken zur Ver-f“gung. Insbesondere in ländlichen Bereichen NRWs müssen zum Teil bis zu 50 Kilometer zurückgelegt werden, um die nächste Klinik mit die-ser Therapieoption zu erreichen.

In eher ländlich strukturierten Regionen und unter bestimmten medizinischen Bedingungen ist es sinnvoll, schnell vor Ort eine medikament“se Auflösung zu machen. In einigen größeren Städten ist der Rettungsdienst mit dem Lysemedikament auf dem Rettungswagen ausgerüstet und die NotÄrzte entsprechend ausgebildet. Die richtige Diagnose kann somit direkt vor Ort gestellt werden und beide Therapieoptionen stehen nach medizinischer Notwendigkeit zur Verfügung. In zahlreichen Regionen in Nordrhein-Westfalen scheiterte aber bislang die Durchsetzung solcher Konzepte zur optimierten pr“klinischen Therapie beim Herzinfarkt an organisatorischen und finanziellen Hürden.

Die Kreise und kreisfreien Städte sind gemäß – 6 des Gesetzes über den Rettungsdienst sowie die Notfallrettung und den Krankentransport durch Unternehmen die Träger des Rettungsdienstes. Sie stellen Bedarfspläne zur Festlegung von Anzahl und Standorten der Rettungswachen, weiteren Qualitätsanforderungen sowie die Zahl der Einsatzfahrzeuge auf. Ziel der FDP ist, das nordrhein-westfälische Rettungswesen und dessen Abl“ufe zu optimieren. Die Zahl der Klinik-Herzkatheterlabore, in denen verschlossene Herzkranzgef““e aufgedehnt werden, sind in Nordrhein Westfalen in den letzten Jahren gestiegen. Das Statistische Bundesamt meldete eine Steigerung von 114 so genannten Linksherzmessplätzen (2002) auf 132 (2006) in NRW. Trotzdem werden sie gerade in ländlichen Regionen nicht immer rechtzeitig vom Kranken selbst beziehungsweise Rettungswagen erreicht. Deshalb besteht hier die Notwendigkeit, durch Mitführung entsprechender Medikamente im Notarztwagen die Therapieoption der Lyse vor Ort nach medizinischer Notwendigkeit nutzbar zu machen. Ziel muss es sein, in jedem Kreis und jeder kreisfreien Stadt Lysemedikamente auf die Medikamentenliste zu setzen und einen Kostenersatz durch die Krankenkassen zu ereichen. Der ärztliche Leiter Rettungsdienst muss in die Lage versetzt werden, Kon-zepte zur Versorgung von Herzinfarktpatienten zusammen mit den lokalen Kliniken zu entwickeln.

Im Mai 2006 wurde das Gesundheitsministerium NRW um politische Unterstützung gebeten, um die flächendeckende Umsetzung sinnvoller, lebensrettender Konzepte in NRW zu beschleunigen. Um einen breiten Konsens zu erzielen, wurden vom Gesundheitsministerium zunächst sämtliche kardiologischen Kliniken und ärztlichen Leiter Rettungsdienst in NRW um eine Stellungnahme gebeten. Diese führten zusammen mit der Stellungnahme des Landesfachbeirates Rettungsdienst zu einem mi-nisteriellen Erlass.

Darin wird die Einführung einer Lysetherapieoption für den Rettungsdienst empfohlen, wenn

  • der Patient nicht rechtzeitig einem kardiologischen Interventionszentrum zugeführt werden kann;
  • der Patient nicht im erforderlichen Umfang für den Transport zu stabilisieren ist oder
  • zur Notfallbehandlung bei akuter fulminanter Lungenembolie.

Dieser Erlass unterstützt die ärztlichen Leiter Rettungsdienst in NRW bei der Umsetzung von Konzepten zur optimierten pr“klinischen Therapie beim Herzinfarkt. Damit sind die Kosten auch diesem Bereich zuzuordnen. Wie hoch sind die Kosten?

Die Einzelkosten des Medikamentes sind mit etwa 900 Euro relativ hoch, je nach Region und Verfügbarkeit eines Herzkatheterlabors kommt diese Therapie jedoch nur bei 10 – 40 Prozent der Infarkte in Frage. Die medizinische Indikation ist an die gültigen Leitlinien der deutschen Gesellschaft für Kardiologie gebunden und gehört in sachkundige Hände. Des-halb ist auch eine entsprechende Schulung der NotÄrzte notwendig. Der große Nutzen liegt in der Optimierung der Therapie für alle Infarktpatienten. Im Rettungsdienst Dortmund macht die Einführung der Lysetherapie Mehrkosten in Höhe von unter 2 Euro pro Notarzteinsatz aus. Die Gesamtpauschale des Notarzteinsatzes beläuft sich auf 225 Euro. In Dortmund haben wir am 1.4.2003 die pr“klinische Lyse eingeführt. Im ersten Jahr haben sich die beiden kardiologischen Kliniken und der Ret-tungsdienst die Kosten geteilt, um starten zu können. Seit 2004 werden die Kosten vom Rettungsdienst getragen.

Was ändert sich?

  1. Am Anfang der Rettungskette steht der Bürger, dessen Lebensrettung und optimale Versorgung im Vordergrund stehen muss. Mit der entsprechenden Ausstattung von Rettungswagen steht dem Notfallmediziner vor Ort das breite Spektrum der Therapieoptionen offen, da er früh behandeln kann! Halten starke Brustschmerzen über mehr als 15 Minuten an, sollte man nicht länger zügern und über die 112 den Rettungsdienst alarmieren. Der geschulte Notfallmediziner kann nach medizinischen Gesichtspunkten entscheiden, welche Therapieoption (Herzkatheter oder pr“klinische Lyse) im Einzelfall die beste ist.
  2. Absprachen zwischen Rettungsdienst und kardiologischen Kliniken reduzieren Reibungsverluste an der Schnittstelle, damit der Ballonkatheter mit möglichst geringem Zeitverlust durchgeführt werden kann.
  3. In besonderen Fällen steht dem Notarzt ein Medikament zur Verfügung, mit dem er sofort, vor Ort, das Herzkranzgef““ wieder eröffnen kann.

Mit der durch unsere Initiative und der Unterstützung des Gesundheitsministeriums NRW herbeigeführten Empfehlung des Landesfachbeirats für den Rettungsdienst wurde eine wichtige Weiche für eine flächendeckende optimierte Notfalltherapie beim Herzinfarkt in NRW gestellt. NRW ist hier bundesweit vorangegangen. Mit dieser eindeutigen Empfehlung wird an die Krankenkassen ein deutliches Zeichen gesetzt, dass die schwarz-gelbe Koalition eine flächendeckende Einführung optimierter Konzepte beim Herzinfarkt in NRW unterstützt, wodurch die Sterb-lichkeit von Herzinfarktpatienten in NRW um 30 bis 50 Prozent gesenkt werden kann. Nun sind die Krankenkassen aufgerufen, die langjährige Forderung der Kreise und kreisfreien Städten zu entsprechen und ent-sprechende Lysemedikamente auf die jeweiligen Medikamentenlisten vor Ort zu setzen, um einen geregelten Kostenersatz über die Gesamtpau-schale des Notarzteinsatzes herbeizuführen.

Horst Engel
Innenpolitischer Sprecher der FDP-Landtagsfraktion NRW

und

Dr. Udo Schniedermeier
ärztlicher Leiter Rettungsdienstschule
Stellv. ärztlicher Leiter Rettungsdienst
Feuerwehr Dortmund
Oberarzt Innere Abteilung
Knappschaftskrankenhaus Dortmund

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